Kapuziner-Mönch Bruder Paulus über Geben und Nehmen
Schon immer hat es mir als Kind der Mohr an der Krippe angetan. Ganz vorn saß er und hielt, um Hilfe bettelnd, seine Schürze auf. Ich warf einige Münzen durch den geschickt getarnten Schlitz, und schon nickte er beflissen.
Mit dem Gang zur Krippe verband ich so von Anfang an die Erwartung, dass einem dort auch ans Taschengeld gegangen wird. Weihnachten und Betteln - das gehörte einfach zusammen. Heutzutage steht wohl aus Gründen der Korrektur eines doch recht einseitigen Weltbildes - hier die reichen Weißen, dort die armen Schwarzen - kein Mohr mehr an der Krippe. Gleichwohl scheint Weihnachten die Fantasie der Wohlfahrtsorganisationen anzuregen, auf immer perfektere Weise dem Zeitgenossen ans Portemonnaie zu gehen. Wir werden immer besser aufgeklärt, was alles an Gutem getan wird.
Die Sparentscheidungen der Politik tun da das Ihrige, die Bettelei plausibler erscheinen zu lassen. Am härtesten trifft der so genannte Umbau des Sozialsystems ja die Armen. Wir nähern uns damit dem Vorbild Amerikas, wo Wohlfahrt kein Kennzeichen der Politik ist. Hilfeleistung ist dort reine Privatsache. Wer zu Wohlstand gekommen ist, krönt seinen Erfolg als Krösus mit allerlei Wohltätigkeiten. Eine solche Gabe ehrt zwar den Beschenkten - aber es tut auch gut, wenn der Schenkende die damit einhergehende Reputation für sich verbuchen kann. So gewinnen beide - sagt man. Genauer betrachtet, gewinnt Letzterer jedoch mehr, während der andere mangels verbindlicher Zusagen bis zur nächsten Wohltat weiter seine Abhängigkeit spürt.
Anders werden sich jene, für die der Mohr nickte, auch nicht gefühlt haben. Dennoch sprach er mich als Kind in seiner Bedürftigkeit unmittelbar an; natürlich war es auch die Nick-Mechanik, die mir mehr ins Auge sprang als das starr in seiner Krippe liegende Jesuskind. Der Mohr schien mir zu versprechen: Gib, und du hilfst. Eine bestechende Logik.
Das Kind in der Krippe lag da einfach - und sprach gar nicht. Es ließ mich kommen, und ich sollte staunen. Auf die Frage: Na und? Was jetzt? kam keine Antwort nach dem Motto: So musst du es jetzt machen. Es hielt auch keine Schürze mir hin, in die ich meine Gaben legen konnte, um damit anderen zu helfen. Seine leeren Hände streckten sich mir entgegen, und Jahr und Jahr wurde die Frage drängender: Streckte es mir die Hände entgegen, um etwa mir zu helfen?
Tatsächlich bin heute mehr denn je davon überzeugt, dass meine Weihnachtsfreude weniger darin besteht, dass ich anderen helfe; schön, wenn ich das machen kann. Mehr jedoch noch freut mich an Weihnachten, dass mir geholfen wird. Ein Mensch, ganz und gar von Gott her kommend, hält mir seine geöffneten Hände hin. Leer sind sie, sie glänzen nicht von Gold und Silber, selbst den beruflichen Karriereweg zeichnen sie nicht vor. Ein tiefer Eindruck vor der Krippe: Ein Mensch streckt sich mir entgegen. Gern hätte ich jetzt geschrieben: Er streckt sich mir entgegen, um mir zu helfen. Aber dann war da gleich die Frage: Wieso helfen? Bedarf ich denn der Hilfe noch?
Und genau das ist die zentrale Frage an Weihnachten: Bin ich noch fähig, zu bemerken, dass ich der Hilfe bedarf? Dass ich abhängig bin? Da ist weniger an den sozialen Härtefall zu denken; aber doch daran, dass niemand wirtschaften kann in dieser Welt, der sich nicht helfen lassen kann, sei es durch verlässliche Vertragspartner, durch treue Mitarbeiter und natürlich durch Kunden, die mithelfen durch Kaufen und Konsumieren.
Der Mohr an der Krippe ist fort gegangen. Hoffentlich ist er eingereiht in die große Gemeinschaft sich gegenseitig helfender und Hilfe annehmender Menschen.
WELT AM SONNTAG vom 21. Dezember 2003