Urteil nach dem ersten Blick.
Eine Neue kommt. Wie die geht! Wie die angezogen ist! - Manche sind mit einem Urteil schnell bei der Hand. Sie machen ein oder zwei Erfahrungen mit jemandem, und schon glauben sie zu wissen, wer er ist. - Solche Menschen sind mir unangenehm. Sie haben nicht die Geduld, abzuwarten, was noch alles in einem drinsteckt. Und manchmal ist damit auch eine Portion Angst verbunden: Der andere könnte ja Ansprüche an mich haben. Mich herausfordern. Da ist ein schnelles Bild ungefährlicher. Es passt in meinen Horizont - und damit brauche ich mich nicht zu verändern.
Geduldig auf überraschende Entdeckungen warten
Ganz anders der geduldige Mensch. Der lernt einen Menschen mit seinen vielen Facetten kennen und wird oft überrascht. Der andere ist ja ganz anders, als ich mir das gedacht habe! Die andere hat ja Ideen, die ich ihr nie zugetraut hätte. - Wer solange warten kann, wird reicher im Leben. Plötzlich kommt Farbe ins Leben. Die Welt erscheint nicht mehr eintönig nur nach meinem Geschmack eingerichtet. Ich werde herausgefordert, mich neu auf jemanden einzustellen. Der andere mit seiner neuentdeckten Seite bring auch in mir neue Seiten zum klingen.
Ein erster Blick auf Jesus
Jesus hat auch mit diesem Problem zu kämpfen gehabt. Die Menschen haben nach einem ersten Blick den Wundertäter entdeckt, den Erzähler von bewegenden Gleichnissen, den wortgewaltigen Prediger. Und dann sein Tod. Die Jünger konnten glauben: Gott steht selbst da noch auf seiner Seite. Und Jesus, der bleibt auf Gottes Seite - trotz der Schande am Kreuz. Bewundert wurde er, begeistert wurde von ihm berichtet. Nehmen Sie sich jetzt einen Moment Zeit. Spüren sie selber nach: Was an diesem Jesus Christus finden Sie faszinierend: Zum Beispiel: Er spricht mit der Frau am Jakobsbrunnen. Er heilt die Tochter des Jairus. Er bezwingt die Dämonen. Er kehrt bei Zachäus ein. Er feiert das Abendmahl.
Tiefer blicken
Hat er schön gemacht - so reagieren Kinder auf all diese Geschichten. Hat er gut gemacht. - Aber warum? Da ist ein tieferer Blick nötig. Ich lade Sie ein, den zu riskieren. Wie kam Jesus dazu, in dieser Weise zu wirken? Was war er für ein Mensch? - Wenn ich Sie so frage, möchte ich Sie vom Bewundern zur Beziehung zu ihm führen: Wer bist Du, Jesus. Wer bist Du für mich? Und schließlich: Wer bist Du für uns? - Wie mit einem Menschen, den ich erst oberflächlich so abschätze und einordne, möchte ich mit Jesus nicht umgehen. Mein Gebet zu ihm möchte ich probieren als eine Kontaktaufnahme zu seinem Inneren. Denn das Innere eines Menschen macht ihn reich - und lässt mich in Schwingung kommen.
Das Lied vom Wesen ...
Der Kolosserbrief in der Bibel beginnt mit einem Lied,, das aus diesem Schwingen der ersten Christen kommen. Es steht auch in unserem Gotteslob bei der Nummer 154. Da ist nicht von Geschichten die Rede, nicht von schönen Worten Jesu. Sondern von seinem Wesen. Was macht ihn für uns so liebenswert? Dass er das Ebenbild des unsichtbaren Gottes ist. Warum kann er Wunder tun? Weil er der Erstgeborene der ganzen Schöpfung ist. Warum sammelt er Menschen um sich? Weil er das Haut des Leibes ist, der Kirche, des neuen Volkes Gottes. Warum kann ich mich ganz auf ihn verlassen? Weil in ihm die ganze Fülle Gottes wohnt.
Einladung zum zweiten Blick ...
Ich gebe es zu: Es ist ungewohnt, in dieser Weise von Jesus zu sprechen. Das muss geübt werden. So wie ich eine Fremdsprache lernen muss, wenn ich den Fremden neben mir verstehen will. Das ist auch nicht nur bequem. Aber es macht reich. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter wird dann zum Beispiel mehr als eine Einladung, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und barmherzig zu sein. Von seinem Inneren offenbart mir Jesus durch diese Erzählung: Gott wollte mit seinem ganzen Wesen die Trennung zwischen den Menschen überwinden und ist in ihm Mensch geworden. Im Neuen Menschen Jesus will ich meine eigene Berufung erkennen, mit ihm und durch ihn mein Handeln neu ordnen.
... als Einladung zu neuer Andacht
Der Text aus dem Kolosserbrief lädt mich ein zu etwas, was früher einmal andächtig genannt wurde: An Jesus denken, an seine Person; in seine Augen blicken; seinen Weg lange mitverfolgen. Ob Kreuzweg oder Ölbergstunde, Anbetungsstunde oder schweigendes Knien in der leeren Kirche - die Tradition kennt viele Hilfen, zum Wesen Jesu vorzudringen. Vielleicht können Sie in der Stille Ihres Zimmers oder der Hauskapelle beginnen: Täglich zehn Minuten andächtig sein. Jesus am Kreuz anschauen. Den Kreuzweg beten. Rosenkranz. Sie werden bald erkennen: Er blickt auch Ihnen ins Herz - und schenkt Ihnen sein Heil.
Br. Paulus Terwitte