Peter:
Wie werden in Ihrer Gemeinschaft Armut, Gehorsam und Jungfräulichkeit gelebt?
Bruder Paulus:
Kein Bruder hat persönlichen Besitz. Wir haben alles gemeinsam. Insgesamt gehören wir zu den materiell ärmsten Gemeinschaften unter den Orden in Deutschland, dennoch leisten wir uns eine Hochschule oder eine Pflegestation mit vier Angestellten für sechs pflegebedürftige Brüder plus Nachtwachen.
Gehorsam will uns hineinnehmen in den Gehorsam Jesu. Das kann auch weh tun, wenn man zu einer Aufgabe gerufen wird, die man sich nicht gleich für sich vorstellen kann. Es erfolgen davor Gespräche; aber dann heißt es auch: Werde wie Jesus: Sklave und Knecht.
Peter:
Muss jeder Ordensinteressent bevor er dem Orden der Kapuziner beitritt, sich von seinem persönlichen Besitz trennen/verkaufen?
Bruder Paulus:
Nein, erst nach den sechs bis sieben Jahren der Einübung kommt vor der Ewigen Profess der Verkauf des eigenen Besitzes und die Erklärung des Erbanspruches.
Peter:
Was halten Sie von dem Begriff Selbstverleugnung?
Bruder Paulus:
Wenn er meint: Seine Lust mit der Liebe und der Wahrheit zu konfrontieren, damit sie im Dienst des Menschen, auch im Dienst meines Menschseins steht: Dann ist er o.k. Wenn er meint: Man soll sich schlecht machen, dann lehne ich ihn ab.
Peter:
Leben Sie nur für die Ordensgemeinschaft,müssen private Dinge bei Ihnen und bei jedem Ordensmitglied hinten an stehen?
Bruder Paulus:
Ich frage mich schon lange, was privat ist? Was würde eine Ehemann antworten, was ein Vater von vier Kindern? Wenn Sie mir das beantworten, weiß ich vielleicht eher, was sie wissen wollen - oder was Sie fürchten...
Peter:
Wo sind in einem Orden die Grenzen zwischen Gemeinschaft und eigenem Privatleben?
Bruder Paulus:
Jeder hat seine Zelle. Niemand muss seine Briefe jemandem zu Lesen geben. Es gibt auch private Fotos. Einen Kühlschrank sollte man nicht auf dem Zimmer haben, und dass jeder seinen Laptop mittlerweile hat, ist nochmal stark zu hinterfragen. Mir scheint, dass es da auch Überforderungen gibt der eigenen Freiheit. Auch da die konkrete Nachfrage: Wie trennt ein Vater zwischen Familie und eigenem Privatleben?
Peter:
Was ist in Ihrem Kapuzinerorden alles Gemeinschaftseigentum, was muss ein Ordensmitglied bereit sein zu teilen mit den Mitbrüdern?
Bruder Paulus:
Es ist alles Gemeinschaftseigentum - jeder einzelene möchte Jesus gleich sein: Er hatte nicht mal einen Stein, wo er seinen Kopf hinlegen konnte. Anspruch und Angst sind die schlechtesten Ratgeber für einen freien Ordensmann.
Peter:
Regelt es jeder Kapuziner für sich selbst, ob er am Morgen oder am Abend eine stille Zeit macht oder nicht?
Bruder Paulus:
Ja, das regelt er selber- wenn er nicht das Glück hat, dass eine Gemeinschaft mit ihm diese Zeit teilen will. So langsam kommen wir wieder mehr dazu, es nicht mehr als Zwang, sondern als Hilfe zur Freiheit zu sehen, wenn es Zeiten gibt, in denen wir mteinander einsteigen in die Stille Zweisprache mit Dem, Der uns liebt, wie nichts und niemand uns lieben kann.
Peter:
Wie haben Sie Ihren Zugang zu Jesus Christus gefunden?
Bruder Paulus:
Er - wer wohl sonst? - hat mir klar gemacht, während ein Priester mit die Taufe erklärte, dass ich in der Taufe meine Biographie und meine Biologie ganz an Jesus verloren habe und er mit mir auferstanden ist zu einem neuen Leben, in dem ER nun zur Geltung kommen kann. Taufe als Befreiungsweg - das habe ich mit 16 verstanden.
Peter:
Warum heißt Zimmer bei Ihnen Zelle? Wie groß ist diese Zelle?
Bruder Paulus:
Das kommt von dem Lateinischen Wort für Zimmer: cellula
Peter:
Wieviel Bücher darf jeder Mönch haben?
Bruder Paulus:
Da gibt es keine Vorschriften. Hauptsache, der Mönch wird nicht besessen von den Büchern, die er zu besitzen meint.
Peter:
Was bringt mir das Jesus Gebet?
Bruder Paulus:
Was bringt Dir die Liebe zu einem Menschen? Hoffentlich nichts! Erst dann ist es Liebe, wenn man aufhört zu fragen, was es einem selbst bringt. Hauptsache es bringt dem andern was. Jesus bringt mein Jesus-Gebet meine Liebe!
Peter:
Ist das Wort Gehorsam für Sie etwas positives oder negatives?
Bruder Paulus:
Postitv. Ohne Ihn würde ich haltlos sein und beziehungslos. Ich ge-höre zu meinen Brüdern, zu den Menschen, zur Welt, zu Gott.
Peter:
Wie viele Stunden des Tages sind Gespräch, wie viele Stunden des Tages Schweigen (Schweigegelübde)?
Bruder Paulus:
Acht Stunden Schlaf, drei Stunden Schweigen/Gebet/Liturgie/ sieben Stunden schweigend arbeiten am Laptop, im Garten oder einfach lesen oder Zug fahren - und sechs Stunden am Telefon oder im Sprechzimmer reden oder am Tisch oder in der Freizeit.
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