Liebe Melanie,
vielen Dank für Ihr Vertrauen.
Sie möchten wissen, wie ein so gottergebner Mann wie Ihr Onkel die eigenen Familie so vernachlässigen konnte. Nun, darauf gibt es wohl nur eine Antwort, die sich zunächst für Sie sehr abweisend anhören mag: Weil auch Menschen, die nicht Gott ergeben sind, ihre Familie vernachlässigen.
Sie werden natürlich mit Recht entrüstet fragen: Und wofür glaubt man dann an Gott? Darauf gibt nur eine Antwort: Weil Gott uns berührt hat. ER ist der Grund, dass wir an ihn glauben, und zwar so, dass wir nichts davon haben. Schließlich sollen wir Gott lieben, und nicht so sehen wie eine Art Garantie für ein glückliches oder moralisches Leben. Eine solche Verzweckung schließt die Liebe aus. Schließlich möchten Sie ja auch nicht - um einen Vergleich zu bringen - geliebt werden, damit der Mann, der Sie liebt, ein zufriedenere Leben führt. Sondern weil er in sich zufrieden ist, möchte er diesen Frieden mit Ihnen teilen.
Wünschenswert und hoffentlich auch mit Erfolg immer mehr grkrönt möge das Werben Gottes im Herzen derer sein, die an ihn glauben, sich doch die Augen öffnen zu lassen. Dazu bedarf es allerdings der Haltung eben der Liebe - und diese Haltung ist oft wenig trainiert worden; Christsein ist zu oft dabei stehen geblieben, einfach Verhaltensregeln zu fordern, die oft genug so starr waren, dass Menschen im Umfeld von Christen den Eindruck gewinnen mussten, die Regeln der Religion stünden im Gegensatz zu den wirklich menschlichen Werten. (Und wenn Sie ehrlich sind: Wie werden die Menschen der nächsten Genration über Sie persönlich urteilen? Ich jedenfalls weiß jetzt schon, dass sie den Stab über mich brechen werden ...)
Ihre zweite Frage ist damit fast auch schon beantwortet. Die Bibel ist eine Sammlung von Texten, die von Menschen geschrieben wurden,die Erfahrungen mit Gott gemacht haben. Nehmen wir ein Beispiel, das sich nicht in der Bibel findet. Nach einem Verkehrsunfall gibt es zwei Tote zu beklagen und zwei sind schwerverletzt worden und zwei sind gar nicht verletzt worden: Auf wessen Seite stand Gott? Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: Steht Gott auf der Seite des einen Drittels der Menschenheit, oder doch auch auf der Seite derer, die das alles nicht genießen können, was im ersten
Dritten Drittel genossen wird (weil man es denen wegegnommen hat ....)
In biblischen Tagen und lange bis ins letzte Jahrhundert hinein gab es einen breiten Strom von Glaubenden, die das, was in unserem Augen Glück ist, mit Gott in Verbindung gebracht haben. Spätestens ist dieses breite Einverständnis gestoppt worden nach dem Holocaust: Ein Bundesgott, der sein Lieblingsvolk derart Greuel zumutet? Ein schmalerer Fluss sieht auf das Kreuz und von dorther sieht es Gott im Drama präsent und auf der Seite der Menschen, sei es eines Pilatus, eines verratenden Petrus oder eben des sich hingebenden Jesus, dessen Tod verstanden wurde als der Tod eines Menschen,der sich für alle hingegeben hat.
Mir geht es so, dass ich seit der Auferstehung Jesu die ganze Welt auf den Rückweg zum Schöpfer sehe. Deswegen will ich mich mit Jesus versammeln,da wo er mich sehen will: In der Gemeinde, bei der Feier Eucharistie.
Dass ich dort immer mehr in ihn hineinverwandelt werden und hoffentlich auch zu Taten finde, die meinem Umfeld und der gesellschaftlichen Entwicklung dienen, ist meine Hoffnung.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Br. Paulus
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